Fortunat Frölich

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- texte / presse -

Stephan Thomas
missaverde - Grün wie die Hoffnung

Das Komponieren von geistlicher Musik dürfte heute nur noch unbekümmerten Naturen leicht fallen. Zu drängend sind die Fragen geworden, die sich an die traditionellen Texte stellen. Dies gilt vorallem für die komplexen Aussagen im Messordinarium, welches das Gerüst der allsonntäglichen Messe bildet.

Fortunat Frölich und Beat Brechbühl haben die Auseinandersetzung nicht gescheut und, jeder auf seine Weise, einen Zugang gesucht: der Dichter interpretierend und paraphrasierend, der Komponist mit einer undogmatischen stilistischen Vielfalt. Das Resultat versteht sich denn zwar nicht institutionell kirchlich, aber auch nicht als Demontage religiösen Empfindens. Vielmehr wird die Individualität und Subjektivität aufrichtigen religiösen Suchens thematisiert, was Komplexität und Ambivalenz beinhaltet und auch die Möglichkeit des Scheiterns nicht ausschliesst (was mehrfach kompositorisch in Szene gesetzt wird) Das „grün" als Motto des Werks steht also für Offenheit und Aufbruch.

Fortunat Frölich entwickelt seine kompositorischen Konzepte aus inhaltlichen Überlegungen und verwendet dabei eine äusserst breite Palette musikalischer Mittel.

In früheren Werken setzte er diesen Pluralismus oft ein, um die Konfrontation von Gegensätzen zu thematisieren. In missaverde stellt er nun  den Chor ins Zentrum seiner Aussage. Dabei behandelt er die menschliche Stimme nicht mehr nur als darstellendes Instrument, sondern gleichsam als vollziehendes Medium. Mit kompositorischen Mitteln führt er den Chor oft in genau jene Situation, die er darzustellen hat. Ein Beispiel: im Credo wird der Chorsatz zunehmend schneller und schwieriger, bis die Chorsänger schliesslich an der Schwierigkeit scheitern und in einem Glissando absinken, während das Orchester die Stimmen weiterführt. Der absinkende Chor entzieht dem musikalischen Geschehen in der Folge sozusagen die psychische Energie und drückt sein Scheitern (das in gewisser Hinsicht auch als Befreiung von einem Zwang empfunden wird) um so plausibler aus, als es dem aktuellen Erlebnis der Sänger entspricht. Diese Übereinstimmung zwischen Darstellung und psychophysischem Erleben führt der Komponist oftmals auch durch improvisatorische Momente heran, in denen er kompositorische Entscheidungen teilweise und vorübergehend an Ausführende delegiert. Gelegentlich wird dabei der einzelne Sänger oder Instrumentalist isoliert und zu einer individuellen Aktion aufgefordert, oder es bilden sich autonome Gruppen, die über gewisse Abschnitte hinweg nicht mehr von der Dirigentin geleitet werden. Neben dieser vielfältigen Gestaltung des Apparates nutzt Frölich die Möglichkeiten der menschlichen Stimme in vollem Umfang, wobei auch Techniken zur Anwendung kommen, die bisher wohl kaum genutzt worden sind. Die Rückführung des gesungenen Tones zum Laut, zu Kehl- Rachen- Lippengeräuschen, Atmungsarten stellt oft eine affektive und physisch erlebbare Verbindung zu den Aussagen der Texte her. Überhaupt ist Frölichs Umgang mit dem Text sehr frei. Wenn er auch einerseits die Verständlichkeit von Brechbühls Text herausarbeitet, zerlegt er diesen andererseits wieder in seine Einzelteile, verdichtet, relativiert, betont nach eigenem Gutdünken oder splittert die Worte bis zu einzelnen Buchstaben auf, um deren lautmalerische Qualitäten zu inszenieren.

Stephan Thomas
missaverde - the green mass

Today, composing sacred music would probably only be easyly possible for those of an untroubled nature. The questions (doubts) about the traditional texts have become too pressing. This is particularly so for the complex statements of the Ordinary, which forms the scaffolding for each Sunday's Mass. Fortunat Frölich and Beat Brechbühl have not avoided this confrontation and have both, each in his own way, sought an approach: the poet by interpreting and paraphrasing, the composer in an undogmatic stylistic diversity. The result is to be understood neither as an ecclesiastical support, nor as a demolition act on religious feeling. Rather, it reflects the individuality and subjectivity of a sincere religious search, containing complexity and ambivalence, and not excluding the possibility of failure (something the composer often sets directly to music). "Green", the key word for the work, thus also stands for openness, new departures and hope.

Fortunat Frölich develops his compositional plan from considerations of content, using an extremely broad range of musical material.  In early works he often employed pluralism to make the confrontation of opposites a central theme. In missaverde he places the choir at the heart of his statement, using human voices not just as a performing instrument, but also as a medium of direct experience. To take one example: in the Credo, the choral writing becomes increasingly fast and difficult, until the singers must necessarily 'fall' at the final hurdle and sink in a glissando, while the orchestra carries the voices further. The sinking choir withdraws from what is happening musically, as a consequence, so to speak, of unbearable psychological energy, and expresses its failure (which to a certain extent is also felt as a release) all the more plausibly because it accords with the singer's actual experience. The composer often presents us with this harmony of performance and psycho-physical experience in improvisational moments, where he temporarily delegates some compositional decisions to the performers. Occasionally the singer or instrumentalist is isolated and challenged to an individual action, or autonomous groups form and for a while are no longer led by the conductor. In addition to this manifold compositional apparatus, Frölich exploits the human voice to the full, including techniques that up to now have rarely been employed. Reducing a sung note to a sound, to glottal, throat and lip noises and types of breathing, creates an affective connection to the statements of the text that can be experienced physically. Frölich's treatment of the text is very free in any case. If he reflects the comprehensibility of Brechbühl's text, he also dismantles it into its component parts, making it more dense, relativising it, placing stresses at his own discretion or splitting the words up into single letters in order to reproduce their onomatopoetic qualities.

                                                          Stephan Thomas, trans. Monica Buckland