Fortunat Frölich

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- texte / presse -

Fortunat Frölich
missaverde

Für mich ist Religion eine Fragestellung. Alle Fragen, die über kausale Zusammenhänge hinauszielen, sind religiöse Fragen. Es sind jene Fragen, welche letztendlich immer bestehen bleiben, weil sie rational nicht beantwortet, vielleicht nicht einmal richtig gestellt werden können. Religion ist das Fragezeichen, in welches unser Leben gebettet ist.

Es wäre ein Fehler, aus der Unbeantwortbarkeit der religiösen Frage ihre Unwichtigkeit abzuleiten; ist doch das Bewusstsein, dass unser Denken, Fühlen und Handeln auf einer  Unbekannten steht - dass wir nicht wissen woher und nicht wissen wohin - eine ethische Haltung, die dem Menschen angemessen wäre.

Ein geistliches Werk auf so radikale Art individuell anzugehen, wie Beat Brechbühl und ich es unternommen haben, mag vermessen erscheinen. Religion ist ja nichts Privates. Sie wächst vielmehr aus der Kultur und Tradition einer Gesellschaft hervor. Eine diesbezügliche Standortbestimmung zum heutigen Zeitpunkt ergibt aus meiner Sicht aber zwei wenig befriedigende Ansätze: traditionelle Erstarrung einerseits und Verdrängung andererseits. Bei mir selber stellte ich eine eigentliche Absenz von Glauben fest, als ich im Zusammenhang mit der Geburt meiner Tochter und dem Tod meines Vaters wieder vermehrt und dringlicher über die grundlegenden Dimensionen unseres Daseins nachdachte.

Inwieweit kann man aber über Dinge, die sich der Logik und Rationalität weitgehend entziehen, überhaupt nachdenken? Eine intellektuelle Verstrickung mit der vorhandenen Tradition hätte mich nicht befriedigen können, ob diese Tradition nun  kirchlich, nichtkirchlich oder antikirchlich sei.

Ich konzentrierte mich vielmehr auf die fast physisch spürbare Unbeantwortbarkeit meiner Frage und fand im kompositorischen Denken, welches ich als intuitives Denken definieren möchte, das geeignete Mittel, mich dem Thema Religion anzunähern.

kyrie ist eine Anrufung. Sie braucht Bescheidenheit und Mut (wahrscheinlich die echte Bedeutung von Demut). Die Anrufung geht aus der Ungewissheit in die Ungewissheit (Du sollst dir kein Bildnis machen). Die Ausgangslage hat auch mit Einsamkeit zu tun. Die Frage ist dringlich.

dies irae Der Tag des Zorns ist hier nicht die Vision eines fürchterlichen Weltunterganges (Apokalypse) oder eines zukünftigen Schuldspruchs (jüngstes Gericht). Es geht um den Zorn über das Elend und die Grausamkeit, die Dummheit und die Trägheit. Es geht um den Zorn über die Schuld, die wir täglich produzieren. Dies Irae ist der Tag der Einsicht in den Abgrund unserer eigenen Hässlichkeit.

In unserer dunkelsten Verzweiflung lodert das Feuer des Zorns. Es ist von besonderer Hitze und wir können es verwenden.

gloria Das Feuer im Herz in einer seiner Kraftentfaltungen: Freude, Begeisterung, Eindeutigkeit. Nicht die "Majestät und Herrlichkeit Gottes", sondern  die Freude des Menschen als göttlicher Kraft wird hier beschrieben.

credo ist der Stoff aus dem die Kriege sind. Ich relativiere deshalb sogleich: credo, credis, credit... ich glaube, du glaubst, er glaubt....Mein Credo darf kein Dogma sein, Glaube ist kein Gesetz. Ein philosophischer oder ethischer Grundsatz hingegen wäre zu kraftlos. Glaube ist nicht im Kopf. Glaube muss das  Zentrum sein, unrelativierbar und doch lebendig.

Am Tiefpukt meiner Resignation, meiner Lethargie erwacht jene vitale, lebensneugierige, positive, zur Handlung drängende Kraft, die ich Credo nennen will. Diese Kraft beschreibt einen Kreis vom Aufbau in die Übersteigerung bis zum Zerfall. Der Zerfall wird weniger durch die zunehmende Verstrickung der Stimmen, d.h. der verschiedenen Credi eingeleitet, als durch die einsetzende Konstruktion; Die einzelnen Stimmen folgen zunehmend nur noch ihren selbsterdachten Gesetzen... - eine Standortbestimmung.

sanctus ist eine zärtliche, andächtige Wahrnehmung der Schöpfung. Eine faszinierte Anteilnahme und Hinwendung zum Leben, zur Natur, zum Kosmos. Ein gnadenvolles Gleichgewicht und eine grosse ethische Kraft.

Fortunat Frölich
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For me, religion is a question. All questions that go beyond causal connections are religious ones. These are the questions that will always remain with us, because they cannot be answered rationally, and perhaps cannot even be believably asked. Religion is the question mark in which our life is embedded.

It would be a mistake to conclude that, because the religious question is unanswerable, it is also unimportant; for the consciousness that our thoughts, feelings and acts are founded on an Unknown - that we do not know where from nor where to - is an ethical stance, and appropriate for humankind.

To approach a sacred work in such a radically subjective way as Beat Brechbühl and I have tried to do may appear presumptuous. Religion is not, after all, a private matter. It grows out of the culture and tradition of a society. But such a standpoint at this moment in time results, in my view, in two unsatisfactory approaches: traditional ossification on the one hand, and suppression on the other. For myself, I discovered an actual absence of faith as my daughter's birth and my father's death prompted me to think more, and more urgently, about the fundamental dimensions of our existence.

But to what extent can we think about things that are largely removed from logic and rationality? An intellectual entanglement with the existing traditions, whether they be church, non-church or anti-church, could not have satisfied me. I concentrated much more on the almost physical sense of the unanswerability of my question, and found in compositional thinking, which I would like to define as intuitive thinking, the appropriate means with which to approach religion.

kyrie is an invocation. It requires modesty and courage (probably the real meaning of humility). The invocation proceeds from uncertainty and travels to uncertainty (thou shalt make no graven images). The starting point is one of loneliness. The question is urgent.

dies irae The Day of Wrath here is not the vision of a terrible ending of the world (apocalypse) or of being found guilty in the future (last judgement). It is anger about misery and cruelty, stupidity and apathy. It is anger about the guilt that we create each day. dies irae is the day on which we see into the abyss of our own ugliness.

The fire of wrath smoulders in our darkest despair. It has a special heat, and we can make use of it.

gloria The fire in the heart in its own manifestations of strength: joy, enthusiasm, unambiguity. This is a description not of the majesty and glory of God, but of human joy as a godlike force.

credo is the stuff of which wars are made. Therefore, I immediately make it relative: credo, credis, credit... I believe, you believe, he believes... My Credo must not be a dogma; faith is not a law. A purely philosophical or ethical foundation, on the other hand, would be too feeble. Faith is not in the head. Faith must be at the core, impossible to relativise but still vibrant.

At the nadir of my resignation, my lethargy, awakens the vital, life-curious, positive force that urges action, which I want to call Credo. This force describes a cycle of building up, being carried away and then falling apart. The disintegration is introduced not so much through the increasing entanglement of the voices (i.e. the different credi), as through the emerging construction; the individual voices increasingly follow only their own rules... this mirrors my own attitudes and interpretation.

sanctus is a tender, devotional recognition of creation. A fascinated sympathy with and turning towards life, nature, the cosmos. A merciful equilibrium and a great ethical force.