LEH YA JARÈ in RABAT
Ein Bericht von Fortunat Frölich
Xenophobie und Lernen
Wenn ich in die Medina gehe, um im Marché Central eine Harira
zu essen, oder um Früchte zu kaufen in der Boucheron-Gasse, dann
geniesse ich immer das bunte Durcheinander der überfüllten
Gassen, den jähen Wechsel der Gerüche, die Musik aus übersteuerten
Lautsprechern, das Lärmen der Händler.
Das Gewimmel der Medina, das einem auf den ersten Blick so total
chaotisch erscheint, besteht eigentlich aus überraschend vielen
Regelmässigkeiten, die wegen der ungeheuren Dichte der Vorkommnisse
nur langsam ins Bewusstsein dringen. Doch allmählich erkennt
man den Zeitplan der Stadt; man weiss zum voraus, an welcher Ecke
die blinden Bettler ihre Gebete plärren und um welche Zeit der
Schürzenverkäufer einen grüsst und sich nach dem Wohlbefinden
erkundigt. Man weiss, bis um welche Uhrzeit die Schubkarrenhändler
frisch gepressten Orangensaft verkaufen und ab wann sie die Schneckensuppe
anbieten, und um welche Zeit die auswärtigen Händler das
Vorwärtskommen in der Medina vollends verunmöglichen, weil
sie die Strasse selbst zum Verkaufstisch machen.
Ich erinnere mich noch genau des Eindruckes, den dieser Platz auf
mich machte, als ich ihn das erste Mal betrat. Wenn ich das Gefühl
von damals mit dem jetzigen vergleiche, erkenne ich, wie sehr ich
mich damals innerlich verkrampfte, als der Platz noch fremd für
mich war. Das Gewimmel der Medina, so sehr es mich auf Anhieb faszinierte,
hatte durchaus auch etwas Bedrohliches.
Xenophobie, d.h. eine unbegründete Angst vor dem Fremden und
Unbekannten ist wohl in uns allen wirksam.
Ich bin nach Rabat gekommen um ein Projekt zu realisieren, das ursprünglich
entworfen wurde um Xenophobie in Europa abbauen zu helfen. Hier in
Marokko sind die Rollen vertauscht: Die Fremden von damals sind nun
die Einheimischen. Ich selbst bin der Fremde.
Lernen ist die Gegenrichtung zur Xenophobie. Lernen ist sozusagen
Xenosophie. Lernen ist immer ein Schritt in die Fremde, eine Öffnung
gegen das Unbekannte. Es sind meine interkulturellen Projekte, die
mich diese Definition von Lernen gelehrt haben.
Lernen braucht oft eine gewisse Anfangsenergie. Man muss sich aus
dem Bekannten losreissen, muss etwas Neues in sich einlassen und
verarbeiten. Diese Anfangsenergie empfinden wir in vielen Fällen
als Überwindung. Überwindung unserer Bequemlichkeit um
etwas dazuzulernen. Überwindung von persönlicher Abneigung,
um einen zwischenmenschlichen Konflikt zu lösen.
Für mich ist ein sinnvolles Leben ein lernintensives Leben.
Darum liebe ich meine Arbeit so sehr, weil ich komponieren als lernen
empfinde. Darum schätze ich meine Zeit in Marokko so sehr, weil
ich, ständig konfrontiert mit Neuem und Unbekanntem, so viel
lerne.
Was ich schon während meinem Musikstudium in meinen jungen
Jahren gemerkt hatte: je mehr ich mich in ein Thema hineinarbeite,
desto mehr wird mir klar, wie wenig ich weiss und wie wenig ich kann.
Ich besuche hier die Kurse von Prof. Abdelkarim Lamarti in Andalouz-
Musik, ich erarbeite mit Saïd Belkhayat und Nasser Houari arabische
Samaïes am Cello, ich analysiere und diskutiere mit dem Komponisten
Ahmed El Alaoui dessen Stücke, ich besuche Proben des Orchestre
National, und natürlich fast allabendlich die Konzerte des Festivals.
Dabei wird mir vor allem klar, welch enormer Reichtum und welche
Vielfalt die orientalische Musik aufweist, und dass die Menschen
dieser Kultur ganz andere musikalische Fähigkeiten besitzen
als wir. Es kann für mich nicht darum gehen, diese Musik zu
erlernen, dafür bin ich Jahrhunderte im Rückstand. Ich
bin aber überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit der arabischen
Kultur meine eigene Ausdrucksmöglichkeit bereichert und erweitert.
Polyphonie und mündliche Überlieferung
Je länger ich mit dem Chor des Konservatoriums arbeite und
je genauer ich die Schwierigkeiten ergründe, die die marokkanischen
Sänger mit der Polyphonie haben, desto klarer wird mir der Zusammenhang
zwischen Polyphonie und Notation.
Ja ich bin eigentlich überzeugt, dass der Weg europäischer
Kultur eng an die Verbreitung und Anwendung der Schrift gebunden
ist, und dass eine sich vorwiegend schriftlich tradierende Kultur
sich grundlegend anders entwickeln muss, als eine sich mündlich
tradierende Kultur.
Im musikalischen Bereich entwickelt sich in Europa zusammen mit
der Notation die Polyphonie und die Harmonik (Verwendung von Mehrklängen),
während Melodik und Rhythmik eine untergeordnete Rolle
einnehmen. Im arabischen Raum finden wir keine Polyphonie und keine
Harmonik, dafür ist die Melodik kompositorisch und interpretatorisch
ungeheuer reich und verfeinert und weist einen engen Bezug zur Rhythmik
auf, die ihrerseits wieder sehr reich ist und gerade auch in
Marokko die komplexesten birhythmischen Strukturen aufweist, welche
notabene vom marokkanischen Durchschnittspublikum ohne weiteres beherrscht
werden.
Zurück zur Chorarbeit: Die Schwierigkeit für meine Sänger
besteht nicht im Abnehmen einer Melodie oder im Hören eines
Intervalls oder eines Akkordes. Das Hauptproblem ist die Beeinflussbarkeit
der marokkanischen Sänger. Eine grundlegende Fähigkeit
und Voraussetzung für orales tradieren - nämlich die Nachahmungsfähigkeit
- wird im polyphonen Satz zum Problem, weil die Stimmen einander
folgen, anstatt, wie in der Komposition festgelegt, kontrapunktieren.
Das Erlernen der Altstimme geht also problemlos vonstatten, aber
das Beharren in der Altstimme, auch wenn der Sopran dazukommt, bereitet
Schwierigkeiten. Ich muss die Sänger immer wieder auffordern,
bewusster zu singen; ich liefere Bilder und Eselsbrücken, die
helfen sollen, sich ein Intervall, einen kontrapunktischen Melodieverlauf im
Voraus vorzustellen. Damit die Beeinflussung durch andere Stimmen
nicht passiert, müssen die Sänger sich hier und dort etwas
merken, sie müssen aufpassen und während dem Singen etwas
denken; eine Visualisierung des Melodieverlaufs - eine Notation eben.
Dass dieses Aufpassen, dieses Mitdenken einer Melodie auf visuell-intellektueller
Ebene, auch eine Aufspaltung der gesamten, zur Äusserung zur
Verfügung stehenden Kräfte darstellt, liegt auf der Hand.
Die grundlegende Verschiedenheit mündlicher Tradition
von unserer europäischen, schriftlichen Tradition ist meiner
Ansicht nach ein Schlüssel zum Verständnis der arabischen
Kultur. Angesichts des grossartigen Kulturgutes, das durch mündliche Überlieferung
hervorgebracht wurde, sollte man sich wohl auch fragen, ob andere
Phänomene, die durch die orale Tradition bedingt sind, wie z.B.
der hohe Prozentsatz an Analphabetismus oder die starke Bindung an gesellschaftliche
und religiöse Regeln, einfach nur als Rückständigkeit
betrachtet werden dürfen.
Der Cluster
Der Cluster ist eine Tontraube, d.h. ein Klang aus vielen verschiedenen
Einzeltönen. Im dritten Satz von „Leh Ya Jarè" hat
der Cluster eine ganz zentrale Bedeutung. Der aus vielen Einzeltönen
bestehende Chorklang entspricht meiner im dritten Satz behandelten
Auffassung von Friede (pax). In den Clustern dieses Satzes muss jeder
Sänger selbstständig seine Tonhöhe auswählen.
Der Pax-Klang soll das Zusammenklingen lauter Individualitäten
sein. Der Klang wirkt zunächst fast unerträglich dissonant,
doch lässt man ihn stehen, fängt er an, eine unglaublich
beruhigende Wirkung zu verströmen.
Erwartungsgemäss ist es für die marokkanischen Sänger
nicht eben leicht, einen so weit aufgesplitteten Cluster zu singen
. Meistens klingen schon nach wenigen Sekunden nur noch 2 bis 3 Töne,
weil die Beeinflussbarkeit der Stimmen so gross ist. Wir haben aber
mit dem Problem zugleich die ideale Grundübung gefunden, um
die für die Polyphonie so notwendige Selbstständigkeit
zu erlernen. Wir bauen unsere Arbeit am Pax-Cluster zu regelrechten
Klangmeditationen aus. Allmählich lernen die Sänger ihren
eigenen Ton anzustimmen und ihn zu halten, auch gegen die schärfsten
Dissonanzen. Dann lernen sie - zum Beispiel mit geschlossenen Augen
wandelnd im Raum - auch vermehrt auf andere Töne zu achten,
ohne den eigenen preisgeben zu müssen. Die anfängliche
Skepsis meiner Teenager-Choristen gegenüber solchen Experimenten
wich bald einer grossen Begeisterung dafür.
Der Schlüssel
Am Samstag den 12.5. stehe ich Nachmittags um 14.30 mit meinen ca.
50 Chorsängern auf der rue Tansift. Eine Klasse von Geigenschülern
wartet ebenfalls. Der Saal des Konservatoriums ist geschlossen. Man
klingelt, man ruft, man telefoniert, man erkundigt sich; Das komme
halt öfters mal vor. Der responsable de la clé wohne
eben in Salé, und hätte manchmal nicht so Lust, am Samstag,
seinem Wochenende, nach Rabat zu kommen um die Türe des Konservatoriums
zu öffnen. Man könne nichts machen, nur warten.
Der Direktor des Konservatoriums kann auch nichts machen. Der Mann
mit dem Schlüssel kann zum Beispiel nicht gefeuert werden, denn
er ist ein fonctionair de l'état. Er untersteht anscheinend
direkt dem Kultusminister. Monsieur le Directeur du Conservatoire
de Musique et de Danse de Rabat könnte allenfalls beim Ministerium
eine Versetzung des fehlbaren fonctionairs de l'état erwirken.
Aber daran denkt er nicht im Entferntesten. Er regt sich auch überhaupt
nicht über den schlampigen Beamten auf, dafür um so mehr über
mich, der ich es wage, wegen dem geschlossenen Konsi-Saal seine wochenendliche
Ruhe zu stören. Er schreibt mir in der Folge unter seinem vollen
Titel und auf dem Briefpapier des Ministeriums einen Brief , den
er mir in die nächste Probe bringen lässt, und dessen Inhalt
mich so wütend macht, dass ich den Überbringer unversehens
wieder aus dem Saal hinauskomplementiere, mit dem Hinweis, dass ich
die Vorschläge des Herrn Directeurs in keinster Art und Weise
akzeptieren würde.
Natürlich lasse ich den scharfen Worten einen gemässigten
und hochanständigen Brief folgen, und in einer offenen Aussprache
findet man sich wieder.
Aber verweilen wir noch ein Weilchen beim Schlüssel des Konservatoriums,
welcher auch später wieder eine Probe mit drei Professoren des
Konservatoriums verhinderte, weil der Kontrabass eines Professors
im Hause eingeschlossen worden war, da der fonctionaire schon um
18.30 nach Hause wollte, anstatt wie üblich um 20 Uhr, und weil
der Lehrer des Konservatoriums wohl wieder beim Kultusministerium
hätte vorstellig werden müssen, um zu seinem Kontrabass
zu gelangen.
Es liegt auf der Hand worauf diese Schlüsselgeschichte hinausläuft;
Der Schlüssel zum Schlüssel ist halt doch der gute alte
Bakschisch - das Schmiergeld - das vom fonctionair dann bei mir auch
fast ultimativ eingefordert wurde.
Doch möchte ich diese Geschichte nicht so enden lassen. Die
meisten Marokkaner, mit denen ich zu tun hatte, sind mächtig
daran interessiert, dass in diesem Lande zuverlässig und fleissig
und legal gearbeitet werden kann. Ja man hat manchmal das Gefühl,
das Land sei in einer Aufbruchstimmung. Es ist schade, wenn der Eindruck
echter Disponibilität und Freundlichkeit, die einem in Marokko
immer wieder auffallen, durch solche Zwischenfälle getrübt
werden.
Dem andern fonctionair de l'état, der mir ebenfalls manchmal
den Saal des Konservatoriums öffnet und der dann hin und wieder „kückseln" kommt
und übers ganze Gesicht strahlt, wenn er merkt, dass der Chor
Fortschritte macht; ihm werde ich ganz sicher einen Bakschisch geben.
Aber als Trinkgeld, als Anerkennung - nicht als Schmiere.
Das Festival
Es freute mich zu sehen, dass der Direktor des Festivals Hassan
Nafali „Leh ya Jarè" erklärtermassen auch
als sein eigenes Projekt betrachtete. Dies, obwohl es sicher keines
der populärsten und spektakulärsten war, wohl aber eines
der inhaltlich und organisatorisch kompliziertesten. Die Zusammenarbeit
mit dem Festivalbüro ist über die lange Zeit immer herzlicher
geworden. Natürlich wurde auch gefeilscht, aber Monsieur
Nafali zeigte sich sehr kooperativ und hilfsbereit. Alle butgetierten
Beträge und vorgängigen Abmachungen wurden eingehalten.
Einsparungen gab es nur im Bereich der Musikergagen, weil wir auf
den Einsatz des Choeur national verzichten konnten. Ansonsten ergaben
sich für das Festival erhebliche Mehrkosten, vorallem weil der
gesamte Schweizer Chor für die ganze Zeit seiner Anwesenheit
mit Vollpension auf Kosten des Festivals untergebracht werden konnte.
Darüberhinaus wurde auch sonst immer wieder echt marokkanische
Grosszügigkeit bewiesen
Die Transfers wurden für alle Musiker schon ab dem Flughafen
in Casablanca vom Festival gewährleistet. Ein Konzert-Flyer
und die Mikrophonierung für die Radio-Aufnahme wurden vom Festival
finanziert, am Abend nach dem Konzert wurde eine kleine Feier („réception")
im Hotel Balima, mit Tee und Gebäck spendiert, abgesehen von
vielen Einladungen zu Nachtessen und Konzerten oder einer amusanten
Picknickfahrt auf dem Fluss Bouregregh.
Das Konservatorium
Das Conservatoire National de Musique et de Danse de Rabat ist eine
Musikschule mit ca 1400 Schülern. Es werden die meisten Orchesterinstrumente
unterrichtet sowie Gesang und Solfège. Gesang und viele Instrumente
werden sowohl in klassischer (europäische Musik), als auch in
traditioneller Disziplin unterrichtet. Ausserdem werden Instrumente
unterrichtet, die nur in der arabischen Musik vorkommen, wie Oud
oder Rabab. Daneben gibt es immer wieder Kurse mit ausländischen
Dozenten. Im Rahmen dieser Kurse war auch mein Projekt angesiedelt.
Mein Hauptkontakt zur Schule bestand aus meiner schon im letzten
Sommer geknüpften Beziehung zum künstlerischen Direktor,
Saïd Lagzaoui und zu M'schid Bekkas, einem international renommierten
Gnaoua- Musiker, der für die Betreuung der Auslandprojekte zuständig
war.
Es ist hervorzuheben, dass die Idee, einen Chor am Konservatorium
zu gründen, vom Direktor Saïd Lagzaoui stammte. In der
Folge verhielt sich das Konservatorium aber in meinem Projekt manchmal
etwas gar passiv. Ich hätte gewünscht, mich nur auf die
musikalische Arbeit konzentrieren zu können, musste aber auch
im organisativen Bereich vieles alleine bewältigen. Anscheinend
sind Sekretariat und Direktion permanent überlastet. Nichtsdestotrotz
ist der Directeur in den letzten Proben zweimal erschienen. Er hat
beide Konzerte besucht, und die Choristen zur Weiterarbeit im nächsten
Semester aufgefordert. Ich hoffe, dass die geplante Inscription der
Chorsänger erfolgreich durchgeführt werden kann, und dass
das Conservatoire National dem Weiterbestand seines Chores, trotz
dem immensen Pensum, das Sekretariat und Direktion mit bescheidensten
Mitteln zu bewältigen haben, genügend Aufmerksamkeit schenken
kann.
L'Ambassade de Suisse
Das Interesse und die Unterstützung, die von Ambassadeur Daniel
von Muralt und von Conseiller Claude Duvoisin dem Projekt entgegengebracht
wurden, lag weit über meinen Erwartungen. Bereits die ersten
Verhandlungen mit dem Direktor des Festivals konnten in Anwesenheit
von Conseiller Claude Duvoisin geführt werden. Monsieur L'Ambassadeur
de Suisse beehrte uns mit seiner Anwesenheit am Konzert, wo er eine
Ansprache hielt und auch kurz zum Chor sprach, sowie an der geselligen
Réception im Hotel Balima.
La Choral du Conservatoir National
Bei meiner Ankunft fungierten auf der Chorliste etwa zehn Kinder,
und ich musste zu bedenken geben, dass man Polyphonie nicht mit Kinderstimmen
machen kann. Es wurde also ein Treffen zwischen mir und den
Gesangslehrern des Konservatoriums arrangiert, die dann ihrerseits
ihre Schüler auf das Projekt aufmerksam machen sollten. Ich
fing meine Probenarbeit mit einem guten Dutzend Sängerinnen
sehr gemischten Niveaus an. In der Folge wuchs die Chorliste allmählich
bis auf 80 Teilnehmer mit einer durchschnittlichen Probenbeteiligung
von ca. 50% und schmolz dann schliesslich auf den harten Kern mit
40 Teilnehmern und einer anständigen Probenpräsenz. So
sehr die Disziplin bezüglich der Probenzeiten - vorallem anfänglich
- zu wünschen übrig liessen, so stimmte doch die Motivation
und Einsatzbereitschaft der Sänger in den Proben auf Anhieb.
Angesichts des Lerntempos und der oben beschriebenen Schwierigkeiten
mit der Polyphonie, entschied ich mich bald einmal, nur an Leh ya
Jarè zu arbeiten und auf andern Lernstoff zu verzichten.
Die Konzentration und Präsenz, die die vorwiegend jungen Sängerinnen
und Sänger der Chorale du Conservatoire zusammen mit den 16
aus der Schweiz angereisten Choristen in den Konzerten bewiesen,
war beeindruckend.
Es bleibt zu hoffen, dass der Chor des Konservatoriums weiter bestehen
wird. Ich habe dem Direktor des Konservatoriums, Herrn Laghzaoui
eine Nachfolgerin vorgeschlagen. Es handelt sich um Sanae El Amri.
Sie leitet bereits einen Kinderchor in Casablanca und unterrichtet
an einem Collège (Sekundarschule) das Fach Musik. Ausserdem
bildet sie sich am Conservatoire National von Rabat in Gesang und
Klavier weiter. Sanae El Amri ist mir als besonders begabte Altistin
des Chores aufgefallen und ich liess sie allmählich Assistenz-Aufgaben übernehmen
(Stimmenproben, Klavierbegleitung, eine Gesamtprobe). Im Gespräch
mit M.Saïd Laghzaoui und mit M. Daniel von Muralt, dem Ambassadeur
de Suisse in Marokko, befand man, dass es ideal wäre, wenn die
Chorarbeit von Sanae El Amri periodisch von Intensivkursen
mit Gastdirigenten aus der Schweiz ergänzt würde.
Ich habe überdies das Repertoire für die nächste
Zeit mit Frau El Amri besprochen. Wir sind uns einig, dass neben
Standardwerken der europäischen polyphonen Chormusik, auch das
marokkanische Liedgut in irgend einer Weise berücksichtigt werden
sollte. Die Unterschiedlichkeit der Phrasierung und Tongebung zwischen
den beiden Genres kann auf diese Weise bewusst gemacht werden, was
den Lernprozess bezüglich europäischer Polyphonie sicher
beschleunigen wird. Ausserdem scheint mir diese Idee auch kulturpolitisch
ratsam. Wir denken an zwei- bis dreistimmige Arrangements von marokkanischen
Liedern. Die Notturni von Mozart wurden wegen ihrer Einfachheit und
Eingänglichkeit für den europäischen Teil gewählt.
Die typische klassische Phrasierung kann daran ideal erarbeitet werden.
Mit der Dreistimmigkeit der Stücke ist der Schwierigkeitsgrad
im poyphonen Bereich nicht zu hoch, und die Tatsache, das es zwei
Frauen- und eine Männerstimme gibt, trägt dem Ungleichgewicht
der Stimmregister des Chores Rechnung.
Coramor, Suisse
Als ich Ende letzten Jahres den Sängern des coramor meine vorübergehende
Demission als Dirigent mitteilte, sagte ich eher zum Scherz, dass
sie, wenn sie mit mir weiter arbeiten wollten nach Marokko kommen
müssten. Doch ein grosser Teil des Chores griff die Idee ernsthaft
auf und so kam es, dass ich mit meinen Freunden aus der Schweiz ein
weiteres interessantes Projekt realisieren konnte:18 Choristen bereiteten
sich selbstständig musikalisch vor, zahlten aus eigener Tasche
ihren Flug nach Marokko. Dort wurden sie dann auf Kosten des Festivals
beherbergt und verpflegt. Die Gewissheit einer Unterstützung
aus der Schweiz hat mich in manchen kritischen Momenten ungemein
beruhigt. Es war so auch möglich, auf bezahlte Choristen aus
dem Choeur National und der Chorale de Rabat zu verzichten. Da das
Niveau dieser gegen Bezahlung singenden Choristen nicht über
alles erhaben gewesen wäre, hätte der Faktor Geld meinen
Chor ziemlich durcheinander bringen können. Ich war äusserst
froh, zu wissen, dass mein Chor zu hundert Prozent mit der richtigen
Motivation zum Singen ausgerüstet war. Diese Motivation verbindet
und berauscht. Die Reception im Hotel Balima, am Tage nach den Konzerten
ist denn auch zu einem richtigen Fest marokkanisch-schweizerischer
Freundschaft geworden.
Die Musiker
Beide Ensembles, das marokkanische und das schweizerische, bestanden
aus Spitzenmusikern.
Im marokkanischen Ensemble konnte ich mit Salah Cherki, Kanoun und
Rachid Zeroual, Nay zwei Stars engagieren. Mit Nasser Houari, Oud
und Saïd Belkhayat, Violon hatte ich zwei sehr routinierte und
begabte Instrumentalisten gefunden. Als Perkussionist fungierte der
Darbouka-Virtuose Samir Essahbi, mein Partner in allen interkulturellen
Projekten. Die Suche und Auswahl der Musiker hat sehr viel Zeit in
Anspruch genommen. Ich habe mit jedem Einzelnen Kontakt aufgenommen
und das Projekt erklärt. Bis wir endlich zu proben beginnen
konnten verstrich viel Zeit. Nachdem die erste Probe des marokkanischen
Ensembles wegen eines Erdbebens (Richterskala 5.2!) geplatzt war,
blieb etwas wenig Zeit, um dieses Ensemble genügend auf die
Gesamtproben vorzubereiten.
Die Schweizer Musiker waren sicher richtig ausgewählt. Mit
Hans Hassler,Akkordeon und Hans Koch, Bassklarinette war die Seite
der freien Musik optimal abgedeckt. Risch Biert, Klavier brillierte
mit unglaublich raffinierten Improvisationen klassischen Musters,
die das musikalische Material der Titelmelodie und anderer im Werk
erscheinender Stücke verarbeitete. Auch als Organist überzeugte
er mit einer souveränen Ausgestaltung der Orgelstücke.
Carlo Lorenzi,Schlagzeug schaffte es, die komplexen marokkanischen
Rhythmen aufzugreifen und weiter zu spinnen.
Übrigens erwiesen sich meine Bedenken bezüglich der improvisierten
und neutönenden Teile des Werkes als unbegründet. Das marokkanische
Publikum reagierte neugierig und fasziniert auf die unbekannten Klänge.
So spannend die Proben mit dem gesamten Instrumental-Ensemble auch
waren, verliefen sie doch nicht immer befriedigend. Die Probezeiten
wurden von den marokkanischen Musikern schlecht eingehalten. Es gab ätzende
Diskussionen über Geld und Verträge. Manchmal bekam ich
den Eindruck, dass mit der Motivation der marokkanischen Musiker
etwas nicht stimmte. Samir hat seine wichtige Vermittler- und Übersetzer-Funktion
voll entfalten können.
Ich bin zerknirscht darüber, dass das Potential des Ensembles
erst im zweiten Konzert ausgeschöpft werden konnte. Allgemein
kann ich nur sagen, dass ich den Schwierigkeitsgrad interkultureller
Zusammenarbeit trotzt aller Erfahrung wohl doch zu gering eingeschätzt
habe. Aber ich stehe immer noch etwas ratlos vor der Frage, wie sich
die aufgetretenen Probleme in Zukunft befriedigender bewältigen
liessen. Ich werde mich sicher noch lange mit der Evaluation der
Ereignisse beschäftigen.
Organisation und Public Relations
Dass Pro Helvetia in diesem Projekt nicht nur den Grossteil der
Finanzierung übernahm, sondern direkt die Projektleitung, stellt
ja einen Idealfall dar. Spinnt man den Traum des Idealfalls noch
weiter, würde die Projektleitung von Pro Helvetia für die
Dauer des Projektes an den Ort des Geschehens transferiert. Das Büro
in Genf funktioniert ausgezeichnet, und France Jaton hat mein Projekt
mit grossem Einsatz betreut. Ich sage betreut, weil die Tatsache,
dass ich allein vor Ort war, die Projektleitung fast zwangsläufig
wieder auf mich zurückwarf. Es braucht einen ungeheuren Arbeitsaufwand,
um für ein solches Projekt alle technischen Details auszuarbeiten.
Da müssen Musiker gesucht und ausgewählt werden, Verträge
ausgehandelt werden, Probelokale gesucht werden, Probenpläne
koordiniert werden, Konditionen mit dem Konzertsaal ausgehandelt
werden, Flügeltransport, Reisedaten, Programmtext, Werbetext,
Invitationen, Radioaufnahme, Aufnahmerechte, Presse, TV etc. Alle
Details muss man sich doppelt bestätigen lassen, und trotzdem
muss auf hundert Überraschungen und Probleme reagiert werden.
Ich habe Telefonspesen von ca. 600 sfr. gemacht. Zum Glück ist
Rabat nicht sehr weitläufig und man kann vieles zu Fuss, oder
mit einer kleinen Taxifahrt erledigen. Natürlich hatte diese
Arbeit - in einem fremden Land, in einer andern Kultur - auch durchaus
ihren Anreiz, weil sie mir tieferen Einblick in die fremde Kultur
verschaffte. Aber manchmal wurde mir die organisative Arbeit am Projekt
schlicht zu viel, und als ich mir noch Gedanken über die Medienpräsenz
des Projektes machen wollte, war ich vollends überfordert. Da
tauchte wie ein rettender Engel Madame Touria Serraj auf. Sie wollte
eigentlich nur eine Radiosendung mit mir machen, hat in der Folge
aber aus Freundlichkeit und persönlichem Engagement das Projekt
in Sachen Public Relations überaus fachkundig und wirkungsvoll
betreut. Sie stellte mir die direkten Kontakte zu den zuständigen
Personen von Radio und TV her, führte für mich die notwendige
Korrespondenz und war darauf bedacht, dass die eingefädelten
Dinge auch wirklich ausgeführt wurden. Frau Touria Serraj sollte
in einem Projekt wie diesem, in Zukunft von vornherein ihre eingeplante
und budgetierte Funktion haben.
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