Fortunat Frölich

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- texte / presse -

moi-toi-musique

rencontre musicale à Niamey, Niger avec:    

     Abdallah Oumbadougou, Niger     - voix, guitare

     Samir Essahbi, Marokko             - darbouka, voix

     Fortunat Frölich, Schweiz        - violoncelle, voix

orchestre Trakist Nakal, Niger:

          Mohamed Ahar        - voix

          Sabo Boki                - voix

          Abdullahi Mamane     - guitare

          Moussa Bilalan     - basse

          Abdouramane Ibrahim     - batterie

chanteurs Wodaabe:

          Bango Mofada

          Bouzou Bafade

          Bazou Gayya

    

repetitions:   6 au 13-10-99  09.00-13.00, 15.00-20.00

concerts:      14 -10 - 99   20.30 CCFN Niamey, Niger

          15 - 10 - 99   20.30 CCFN Niamey, Niger

          17 - 10 - 99   21.00  ZAKA Ouagadougou, Burkina Faso

Ein Bericht von Fortunat Frölich

Popmusik

Vier Propeller kämpfen im eierkartonbeschlagenen Studio des Centre Cutlurel pour  la Formation et Promotion Musicale gegen die Hitze. Auf der Bühne steht ein marodes Drumset und drei Verstärker mit Gitarren. Es werden Mikrofone installiert und Trakist Nakal setzt zur ersten Nummer an. Popmusik. Pentatonischer Sahara-Pop. Da wird es nicht viel zu rütteln geben, das stellt sich bald in einer Eindeutigkeit heraus, die mir irgendwie imponiert. Dieser Kontinent hier kennt keine Unterteilung von „Kunstmusik" und „Volksmusik". Musik ist Kunst ist Volkskunst. Ich falle in eine leichte Identitätskrise: Was ist denn nun meine Musik? Schweizer Volksmusik? oder europäische „E"- Musik? Freejazz? Wieso muss ich mir diese Frage überhaupt stellen. Die drei Wodaabe-Sänger singen fraglos ihren Wodaabe-Gesang, was denn sonst? Ihr Ausdruck ist Tradition - Tradition ist ihr Ausdruck.

Professionalität

Allmählich definiert sich meine Rolle in dieser Band trotzdem. Indem ich mich Abdallah's Musik zunächst völlig ausliefere und mich darin musikalisch sozusagen instinktiv bewege, erwacht nach und nach mein Wille zum Auf- und Ausbruch. Samir und ich machen unsere Ansprüche geltend: Formale Unterscheidungen, Abwechslung, Spannungsverläufe, dynamische Unterschiede....die Arbeit ist hart. Nach 9 Stunden Probe am ersten Tag, unterbrochen nur von einer zweistündigen Mittagspause, verabschiede ich mich von Abdallah: „demain a neuf heure alors". „moins quart!" kontert Abdallah. Viertel vor neun, um neun beginnt die Probe.... ich bin, ehrlich gesagt, etwas überrascht.

Dilettantismus

Es ist erstaunlich, wie sich volksmusikalische Idiome über Kontinente hinweg verbinden lassen. Ländlermelodien im A-B-A - Muster eignen sich hervorragend als Zwischenspiele. Zwischen Jodel und Wodaabe-Gesang besteht zweifelsohne eine Verwandtschaft. Aber die Monotonalität lässt sich kaum aufbrechen. Die grundtonbezogenen Melodien lassen nur den Tonika-Akkord zu, der auch ausgiebig zelebriert wird, obwohl die Touareg-Musik eigentlich keine Akkorde kennt. Der Rhythmusgittarrist spielt denn auch einen seltsam difusen Grundakkord, wichtiger als die Töne ist das Grapsch-Geräusch für den Rhythmus. Sologitarre und Bassgitarre spielen die pentatonischen Melodien, die auf dem traditionellen zweisaitigen Gouroumi entstanden sind und dort eigentlich auch überzeugender klingen. Warum nur haben diese Musiker zum Akkordinstrument Gittarre gewechselt? Und wenn Sie gewechselt haben, wieso haben sie nicht gelernt, dieses Instrument auch wirklich zu spielen. Ich fange an, dem Gitarristen Akkorde zu zeigen, die er einigermassen bewältigen kann. Das ist mir nicht geheuer. Benehme ich mich kolonialistisch?

Kolonialismus

Kolonialismus - ça existe. Kolonialismus erlebe ich als Beziehungsmuster zwischen Europa und Afrika. Es sind beide Kontinente für dieses Beziehungsmuster verantwortlich. Das Thema taucht in subtilen Varianten immer wieder auf. Im Freundeskreis wird diskutiert, analysiert. Letztendlich wird aber  vor allem immer wieder klar, dass wir uns den gesellschaftlichen Strukturen kaum entziehen können. Was wir hier tun können, ist: zusammen mit Abdallah und Trakist Nakal, mit dem Centre Cuturel Franco Nigerien und dem Centre pour la Formation et la Promotion Musicale etwas auf die Beine stellen, und für die mannigfaltigen Probleme, die sich (auch im organisatorischen Bereich) ergeben, eine Lösung suchen.

Interkulturalität

Hätte man die Musiker einzeln ausgewählt und unter Vertrag genommen, hätte man vielleicht ein höheres Niveau und eine musikalisch noch ergiebigere Konstellation erreichen können. Ob dann aber psychologische Komponenten einer Zusammenarbeit in die Quere gekommen wären? Es war für uns manchmal schwierig, die hierarchischen Strukturen der Gruppe Trakist Nakal zu akzeptieren, doch sie funktionierten zumindest. Die Direktive der Cooperation Suisse, jeden einzelnen Musiker persönlich auszuzahlen, war ein heikler Punkt, den wir vorsorglich bis nach den Vorstellungen aufschoben. Solidarität und Integrität musste in diesem Kulturprojekt immer wieder verteidigt und gefordert werden. Die Erfahrung, dass für einen Transport bezahltes Geld anders verwendet wurde, schmerzte. Es ist aber wichtig, solche Vorkommnisse nicht persönlich zu werten. Das sind typisch interkulturelle Probleme. Genau hier setzt die so wertvolle interkulturelle Arbeit an: hinter den strukturbedingten Handlungen wieder den Menschen zu suchen und anzusprechen, um den gemeinsamen Nenner zu finden.

MultiKulti

Im Abendglühn kreisen hunderte von Vampiren über der Arena des Centre Culturel Franco Nigerien. Der Sound-check ist soeben beendet und während ein Heer von Insekten - von der 10cm-Heuschrecke bis zur Malaria-Mücke - die scheinwerferstrotzende Bühne umhüllt, füllt sich langsam das Stadion mit Publikum: Mit Säbel behangene Touaregs in langen Gewändern. Paillettenbestickte schwarze Prinzessinnen, verschleierte Beduinen, europäische „Entwicklunshelfer", knackige Teenies, schlacksige schwarze Jungs und die behinderten Bettler, die wir von der Strassenecke kennen, der Ambassadeur von Marokko, der Direktor und Europabeauftragte im Aussenministerium  Monsieur Dr. Mahaman Tidjani Ajou..... in Niamey lebt eine multikulturelle Gesellschaft. Unser Begegnungs-Projekt stösst auf akutes Interesse. Was in Europa vielleicht bereits ein Trend ist, ist hier eine Neuheit. Mit besonderem Erstaunen erfüllt die Besucher die Tatsache, dass Touareg-Musiker zusammen mit Wodaabe-Sängern auftreten - ein Ereignis mit durchaus auch politischer Komponente.

Zusammenarbeit

Die Organisation durch Nina von Albertini, und die Abstützung des Projekts durch die Cooperation Suisse vor Ort waren wohl unabdingbare Voraussetzungen für das Gelingen unseres Vorhabens.

Die Zusammenarbeit mit dem CCFN (Centre Culturel Franco Nigerien) in Niamey war  professionell. Das CCFN verfügt über eine hervorragende Infrastruktur und einen guten Techniker.

Auch mit der Musikschule CFPM (Centre pour la Formation et la Promotion Musicale) wurde ein tragfähiges Arbeitsverhältnis aufgebaut. Das CFPM interessiert sich aufrichtig für einen kulturellen Austausch mit Europa. Samir und ich wurden gebeten, über das kulturelle Leben in der Schweiz und in Marokko zu berichten und den versammelten Lehrkräften Red und Antwort zu ihren Fragen zu stehen.

Etwas problematischer war die Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum ZAKA in Ouagadougou, Burkina Faso. Sicher muss die Wichtigkeit betont werden, dass es einen Platz wie das ZAKA überhaupt gibt, wo regelmässig Konzerte veranstaltet werden, und wo die dazu notwendige Infrastruktur (Werbung, Technische Anlage, Schlagzeug, Techniker) vorhanden ist. Ich habe allerdings den Eindruck gewonnen, dass es hier mehr ums Geschäft, als um Kultur geht. Es beschlich uns das ungute Gefühl ausgenutzt zu werden.

Auswertung

In Niamey habe ich erfahren, dass der  Ethno-Musikologe Dr. Garba aus Niamey mit Professor Lichtenhahn vom Musikethnologischen Seminar in Zürich hinsichtlich der Touareg-Kultur vor einigen Jahren im Kontakt war. Das ist schade, dass ich an diese Möglichkeit nicht früher gedacht habe. Überhaupt wären Absprachen mit Musikhochschulen bei solchen Begegnungsprojekten sinnvoll und wohl auch hilfreich.

Im Nachhinein hätte man immer vieles anders gemacht. Ob's besser herausgekommen wäre, weiss man aber nicht. Wichtig sind die Erfahrungen, die gesammelt wurden, und die uns helfen werden, zukünftige Projekte noch besser zu machen. Die interkulturelle Erfahrung, die ich bereits in das Projekt gebracht habe, und das erprobte interkulturelle Arbeitsverhältnis mit Samir waren wichtige Stützen bei der Realisierung dieses Projektes.

moi-toi-musique war ein anstrengendes aber erfolgreiches Projekt. Wir hoffen, dass die begonnene Zusammenarbeit mit Abdallah und die Kontakte zu weiteren Musikern und Institutionen im Sahel in Folgeprojekten ausbaut werden können. Unser Empfang beim Botschafter von Marokko in Niger, als auch die Anfrage der Marokkanischen Botschaft in der Schweiz via Kulturamt des Kantons Bern, könnten Ansätze für ein Folgeprojekt in Marokko sein.

Dank

Wir bedanken uns bei allen, die die Realisierung dieses Projektes ermöglicht haben:

conception:    Nina Giorgia von Albertini

en collaboration avec:

     la Cooperation Suisse au Niger

     la Cooperation Suisse au Burkina Faso

     le Centre pour la Formation et la Promotion Musical, CFPM - Niamey

     le Centre Culturel Franco Nigerien CCFN - Niamey

     le centre culuturel ZAKA, Ouagadougou

co - financée par

     PRO HELVETIA  fondation Suisse pour la culture

     Cooperation Suisse au Niger

     Cooperation Suisse au Burkina Faso

     Departement pour la culture Canton de Berne, Suisse

     Canton des Grisons, Suisse

équipe téchnique:

     Loïc Quentin     - sonorisation

     Hiroshi Suzumura     - enrégistrement

     Mamane Sani     - cameraman

     Chichi         - assistence technique

     Mimi Garten     -  fotographie, design

remerciements:

     Mr. Giorgio Bianchi, directeur cooperation Suisse au Niger

     Mr. Yves Bourguignon, directeur CCFN

     Mr. Amadou Capo, directeur CFPM

     Mr. Malam Barka, administrateur, musicien CFPM

     Mr. Séré Adama, directeur ZAKA