Hommage an Alberik Zwissig und Leonhard Widmer
Meine Schuhe knirschen im harten Schnee des Grialetsch-Gletschers.
Langsam gibt die Nacht den Tag frei. Keine Seele weit und breit,
sogar die Gemsen scheinen noch zu schlafen, nur in der Ferne rauscht
Wasser und manchmal rutscht irgendwo ein Stein im Geröll. Wie
ich diese Stille liebe! (Ich geniesse sie im Bewusstsein darüber,
wie kostbar und selten sie geworden ist - Dieses Bewusstsein
allerdings, stört). Jetzt steigt hinter dem graugezahnten Horizont
in weiter Ferne rot und lautlos die Sonne in den Himmel. Der Gletscher
unter meinen Schritten färbt sich rosa und beginnt zu funkeln...
Lichtreflexe... cool!
.... dieses Gefühl, das ich in diesem Moment zur Natur, zur
Welt, zu mir, zum Leben, zur Menschheit habe, wie nenne ich es?
cool!
Die Zeiten, als solch hehre Gefühle Hymnen und Psalmen hervorbrachten
sind vorbei. Pathos ist tabu, es sei denn, es werde in Hollywood
produziert. Oh, süchtig sind wir immer noch nach Pathos. Aber
wir wagen nicht mehr, Pathos an Werte zu binden.
Das ist vielleicht auch gut so. Das hat Europa aus seiner Geschichte
gelernt; Pathos als Massen-Grössenwahn....Nationalsozialismus,
Rassentheorie, Kolonisation, Missionarismus...
Nie wieder!
Nationalismus hat ausgepfiffen, und dass der liebe Gott alles richten
wird, glaubt auch niemand mehr im Ernst. Gott sei Dank, Al Hamdullilahi
Also weg, mit den Hymnen und Psalmen!
Und wohin mit dem Pathos, mit dem grossen Gefühl?
In die Fiktion? In halbverschämte private Momente im Kino,
im Konzertsaal oder bei der Siegerehrung eines sportlichen Anlasses?
Der Schweizerpsalm. Ich höre nochmals genau hin. Man kann den
Urhebern dieses Psalms keine nationalistische Überheblichkeit
anlasten. Im Gegenteil. Der Schweizerpsalm ist vielmehr ein Aufruf
zur Bescheidenheit. Freilich wird nun die Verantwortung für
alles und jedes allzusehr an den grossen Herrn im Himmel delegiert.
Aber die Bindung des Individuums an eine grössere Einheit, die
Suche nach Verbindlichkeit zeugt doch auch wieder davon, dass Verantwortung überhaupt
wahrgenommen wird.
Es ist mir trotzdem nicht möglich, den Schweizerpsalm mit grossem
Gefühl zu singen. Ich bleibe auf Distanz. Kühl - nicht
cool.
Reflex/ktion
Die Ausschreibung des Alberik Zwissig Kompositionswettbewerbs enthielt
eine Bemerkung, die mich aufhorchen liess: es würden -
stand da - von den Komponisten beileibe keine neuen Schweizerhymnen
erwartet. Das klang wie eine Absicherung - verstehen Sie uns richtig:
wir meinen den Komponisten, nicht die Nationalhymne, es geht uns
nicht um Patriotismus sondern um Musik.
Diese Klarstellung war im Alberik Zwissig Kompositionswettbewerb
durchaus notwendig, weil die Begriffe „Nationalhymne" und „zeitgenössische
Musik" spontan kontradiktorisch empfunden werden. Ich war -
als zeitgenössischer Komponist - also beruhigt und entschloss
mich zur Teilnahme an diesem Wettbewerb.
Aber es interessierte mich nun doch, warum diese Distanzierung vom
Schweizerpsalm eigentlich notwendig war. Würde ich einen Kompositionsauftrag
für eine Hymne ablehnen? Was sind denn meine Assoziationen
zur Nationalhymne?: Traditionalismus? Folklore? Patriotismus? Nationalismus?
Sollte man Nationalhymnen abschaffen? Was muss, kann, sollte eine
Nationalhymne bewirken und was darf sie nicht bewirken? Was beinhaltet
und was bewirkt der Schweizerpsalm von Alberik Zwissig und Leonhard
Widmer?
Das Thema für meine Wettbewerbseingabe war jedenfalls gefunden:
Nachdenken über die Hymne im Allgemeinen und über den Schweizerpsalm
im Speziellen - Reflektion.
Reflex/ktion. Denn der Vorgang ist komplex. Es gibt in meiner Komposition
gedankliche Reflexion über das Thema, und es gibt formale
und textliche Spiegelungen aus dem Schweizerpsalm; Die Naturschilderungen
des Schweizerpsalms habe ich aufgegriffen, ebenso den Zustand der
ahnenden Seele, dem ich zentrale Bedeutung zumesse. Die fromme Zuversicht
des Schweizerpsalms versehe ich jedoch mit einem Fragezeichen
und die Frage nach der Nationalität (schon bei Zwissig/Widmer
marginal behandelt) entfällt. Anstelle des Aufrufs zum Gebet,
fordere ich zur gedanklichen Auseinandersetzung mit der aktuellen
Situation des Menschen auf. Dies führt mich nun aber wieder
ganz in die Nähe des Schweizerpsalms. Die streng rationale Analyse
bringt die Sache sozusagen auf den heiklen Punkt. Sie folgert nämlich
die Notwendigkeit „...dass der Mensch mit einem moralischen
Anspruch an sich herantritt".
Der moralische Zeigefinger also. Ein Tabu! Vielleicht das Tabu unserer
Zeit schlechthin.
Erschrocken? Sie mögen sich wundern, aber für einen Künstler
ist es eine grosse Befriedigung, an ein Tabu zu rühren. Es geht
dabei nicht um Provokation, sondern um das Erkennen neuralgischer
Punkte unseres Bewusstseins, um die Diagnose gesellschaftlicher Blockaden,
um das Aufspüren von Verdrängung. Denn das Ziel jeder
Kunst - und handle es sich auch nur um einen kleinen Chorsatz - ist
das Ausbrechen aus mentalen Gefängnissen.
Und was halte ich nun vom Schweizerpsalm?
Meine Reflex/ktion hat ihn mir eindeutig näher gebracht. Die
aufrichtige und bescheidene Bemühung des Schweizerpsalms, das
Individuum in eine grössere Einheit einzubinden und Verantwortung
für das Ganze wahrzunehmen, berührt mich. Ich halte dieses
Anliegen für legitim und sogar für zeitgmäss.
Es ist mir also eine Ehre, Preisträger im ersten Alberik Zwissig
Kompositionswettbewerb zu sein.
Fortunat
Frölich
Übrigens: Unter dem gleichen Titel Reflex/ktion ist in der
Zwischenzeit ein kleiner Zyklus für Chor a capella entstanden,
der sich mit dem Thema Heimat befasst und sich auf traditionelles
Liedgut bezieht-
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