Lichter jenseits der Krisen
Christian Zehnder mit kraah, dem Casal Quartett und Fortunat Frölich
im Burghof in Lörrach
Am Anfang war eine Krise; Die vorübergehende Beeinträchtigung seines Sprachzentrums inspirierte Christian Zehnder einst dazu, sich mit nonverbalen Gesangstechniken zu befassen - vom Jodeln bis zum Obertongesang. Daraus entwickelte sich 1996 das Stimmhorn-Projekt, die Kombination von Stimme und Alphorn. Im kraah Trio mit Michael Pfeuti (Kontrabass) und Thomas Weiss (Perkussion und Schlagzeug) hat Zehnder den Horizont seiner vokalen Exkursionen bereits seit längerem auch in den Jazz erweitert; nun erklimmt er eine weitere Stufe dieser Klangleiter und kehrt in gewissem Sinn zurück in den Schoß, aus dem er einst kroch: die klassische, die ernste Musik.
Für das Programm "Wetterleuchten — wo der Mensch das Licht erblickt" , das nun im transalpin Schwerpunkt des Festivals im Burghof zu hören war, hat der 46-Jährige neben seinem Trio das Casal Quartett und den Schweizer Komponisten Fortunat Frölich gewonnen.
Christian Zehnder entfesselt den Gesang, erkundet die Stimme als ein Instrument der unbegrenzten Möglichkeiten. Mal gesungen, dass die Laute auf der Zunge zergehen, mal deklamiert und unterbrochen vom zischenden Atemholen beschwört er alpine Szenarien - Höhen und Felswände, dunkle Wasser, Friede und Ruh’ ....
Das Stück "Chummer" leiten schräge Töne ein; disharmonische Streicherklänge und Obertongesang eröffnen, begleitet von tiefen Paukenschlägen, Abgründe, die sich dann in fliehenden und getupften Tönen verflüchtigen, um urplötzlich wieder gurgelnd aufzutauchen aus Zehnders Kehle.
So wetterleuchtet jedes Stück. Jedes entwickelt einen eigenen Klangkosmos im Bemühen, die emotionale Klaviatur auszuloten, alle Töne zu Wort kommen zu lassen. Das Spektrum reicht vom adaptierten Schlager ("Rosamunde" ) bis zu südamerikanisch groovendem Akustik-Jazz aus dem kraah-Repertoire ("Äne Däne" oder "Oh Raura" ).
Höhepunkt aber ist fraglos Frölichs "Alpine Suite" , die erst dieser Tage beim Boswiler Sommer in der Schweiz uraufgeführt wurde und als deutsche Premiere das Programm beschloss. Da wechseln eruptive Passagen mit leisen filigranen Tönen, sägende Geigen mit einem klagenden Cello, aufgewühlte und entrückte Sequenzen. Da gehen expressiv-aufgeladene Momente über in meditatives Zirkulieren und das Casal Quartett perlt - unterstützt von Michael Pfeuti am Bass - mal angriffslustig, schwappt dann behaglich-fröhlich und endet in feinstofflicher Auflösung. Thomas Weiss sorgt dabei für eine virtuose Perkussion und Zehnder gurgelt, brummt, krächzt, würgt, blubbert und babbelt, schnattert und schnalzt, ein nimmermüder Klangquell zwischen Ober- und Kammerton. Aber er bleibt durchs ganze Programm der "Erzähler ohne Text" (Neue Zürcher Zeitung), der er die letzten Jahre war. Die Krise jedenfalls hat er kreativ genutzt, neue Lichter erblickt. Dieses Konzert gehört allemal zu denen, die als Live-Erlebnis nachhallen.
Badische Zeitung, 18. 07.08 Michael Baas
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